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View Full Version : Merian 12/1972 : Makedonien und Athosklöster


Amyntas
07-11-2006, 10:21 AM
Makedonien, das Herzland der Südosteuropäischen Halbinsel, lag immer im Zentrum politischer, ethnischer und klutureller Auseinandersetzungen. In der Antike, im byzantinischen Mittelalter und in den Jahrhunderten der Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich eine einheitliche, von der Geschichte geprägte Landschaft, wurde Makedonien nach den Balkankriegen 1912/13 geteilt: Der nördliche Teil fiel an Serbien (gehört also zu Jugoslawien), der südliche an Griechenland, ein Zipfel an Bulgarien. Seit 1923 hat das griechische Makedonien eine rein griechische Bevölkerung und fast die gleichen Grenzen wie das Reich der makedonischen Könige vor Alexander dem Großen.

Georg Mergl

Umstrittenes Land

Zunächst- heißt es Mazedonien oder Makedonien? Im Griechischen heißt es Makedonien, und mit K sprechen es nicht nur alle Slawen aus, die ins Land gekommen sind, sondern in dieser Form übernahmen es auch die Römer: Sie schrieben zwar Macedonia, sprachen dies aber im klassischen Latein Makedonia aus. Dieses lateinische C machte in den europäischen Sprachen deren Lautverschiebungen mit - wurde im Deutschen also zu Z.
So sprachen wir jahrhundertelang von Mazedonien, und so möge denn das Z in alteingebürgerten Fachausdrücken - wie mazedonischer Tabak - bleiben. Im allgemeinen ist man jedoch im Deutschen seid etwa huntert Jahren bestrebt Griechisches auch griechisch auszusprechen, so sagen und schreiben wir heute wohl besser Makedonien.
Wer waren diese Makedonier oder richtiger Makedonen, nach denen das Land heißt? Gewiß war das Land schon in vorgeschichtlicher, auch in mykenischer Zeit besiedelt, Wohnhügel und Kuppelgräber zeugen davon. Die Makedonen selbst kamen wohl erst um 1200 v. Chr. im zuge der dorischen Wanderung ins Land. Waren sie Griechen? Die Makedonen selber betrachteten sich als Griechen und ließen ihren Stammheros Makedon von Zeus oder Aiolos abstammen; die Griechen der klassischen Zeit hingegend sahen in ihnen Barbaren. Nur dem makedonischen Königshaus biligten sie griechische Abstammung zu: König Alexandros I. wurde 476. v. Chr zu den Olympischen Spielen (an denen damals nur Griechen teilnehmen durften) zugelassen, nachdem er seine abstammung vom Königshaus Argos "nachgewiesen" hatte. Die Streitfrage ob Griechen oder nicht, bewegt seither und noch heute die Gemüter der Betroffenen und die Gelehrten. Mit dem erwarteten Aufschluß von der Sprache her steht es eher mißlich, denn wir haben keinen einzigen literarischen oder inschriftlichen Text in makedonischer Sprache, wohl aber neben einigen Glossen bei griechischen Grammatikern, ein reiches Gut an Orts-, Personen-, und Monatsnamen: Und diese unterscheiden sich von reinem Griechisch nur insofern, als sie eine Art Lautverschiebung durchgemacht haben. Ein Beispiel: Das griechische phalakrós (kahlköpfig) lautet im makedonischen balakrós; ähnlich heisst der griechische Mädchenname Pherenike dort Berenike - ein häufiger Name in den makedonischen Dynastien der Nachfolgereiche Alexanders des Großen, der damals schon (wie heute im Neugriechischen) Werenike ausgesprochen wurde, woraus die Römer Veronica machten.
Wenn die Griechen der klassischen Zeit die Makedonen als Barbaren, nach damaligen Sprachgebrauch als Nichtgriechen betrachteten, so wegen ihrer kulturellen Rückständigkeit, erklärlich aus den ständigen Behauptungskämpfen gegen Thraker und Illyrier und aus der Ferne und Abgeschiedenheit von den hellenischen Kulturzentren. Andererseits hatten die dadurch bis in die Zeit Alexanders des Großen bei den makedonen urtümliche Zustände erhalten: das Heerkönigtum sowie die Wehr- und Gerichtsversammlung der freien Bauernschaft.
Was gehörte zu Makedonien und was nicht?
Das alte Makedonien umfaßte lange Zeit nur Ober- und Niedermakedonien, vom Pindusgebirge im Westen bis zum Golf von Saloniki im Osten. Erst der Vater Alexanders des Großen , König Philipp II., hat durch Eroberung das Land ausgeweitet und auf einst thrakischen Gebiet seinen Bauern neuen Siedlungsboden erschlossen. Seither reicht Makedonien im Osten bis zum Nestos ( einschließlich der Chalkidike), im Norden bis zum mittleren Axios (Vardar) oder sogar bis Wasserscheide gegen die nach Nordenfließende Morawa (antik: Margos). Im Westen war durch das Pindos- und Grammosgebirge stets eine natürliche Grenze gegen Illyrier und Epiroten gegeben, ebenso im Süden gegen Thessalien - doch wurde der Olymp, der Götterberg der Hellenen, stets zu Makedonien gerechnet. Es ist interessant, daß Makedonien in den Grenzen, die schon unter Philipp im vierten vorchristlichen Jahrhundert galten, in der Neuzeit weiter besteht, während im Mittelalter mit dem Namen Makedonien sehr verschiedene Verwaltungseinheiten bezeichnet wurden, oft solche die mit dem eigentlichen Makedonien nichts zu tun hatten.
Alexander der Große fällt aus der makedonischen Geschichte heraus: Er zog aus, eroberte mit seinen makedonischen Bauernsoldaten und Gutsbesitzergenerälen die halbe Welt - und kehrte nie mehr zurück. Aus den Wirren unter seinen Nachfolgern ist ein Ereignis bemerkenswert: König Kassandros baute 315 v. Chr. die Stadt Thermä aus (darum heute noch Thermäischer Gold) und benannte sie zu Ehren seiner Gemahlin, einer Schwester Alexanders, in Thessaloniki um; seither, in rund 23 Jahrhunnderten, hat Thessaloniki niemals aufgehört, eine bedeutende Stadt zu sein - sie war es unter den Römern und in byzantinischer Zeit, sie blieb es unter den Osamenen und sie ist es heute.

~fortsetzung folgt~

Amyntas
07-12-2006, 05:34 AM
Die Wirren fanden ein Ende, als 278 v. Chr. Antigonos Gonatas König und Begründer einer Dynastie wurde, unter der das Land in seine Blütezeit führte. Dieser Blütezeit, samt der andauernden Vorherrschaft in Hellas, machten die Römer ein ende, 197 v. Chr. bei Kynoskephalai in Thessalien, 168 endgültig in der Schlacht von Pydna: Makedonien hörte auf, selbstständiges Reich zu sein, wurde 148 römische Provinz. In Makedonien spielte sich die vorletzte Phase der römischen Bürgerkriege ab: 42 v. Chr. besiegten Octavianus (der spätere erste Kaiser Augustus) und Antonius bei Philippi (348 von König Philipp gegründet) die Cäsarmörder Brutus und Cassius. Nur wenige Jahrzehnte später geschah ebenfalls in Philippi noch Wichtigeres: Der Apostel Paulus gründete hier im Jahre 50 die erste Christengemeinde auf europäischem Boden, noch im selben Jahr folgten Thessaloniki und Beröa (Werria) - Makedonien war damit die erste europäische Region mit christlichen Gemeinden.
Umstrittenes Land selbst in Zeiten des Friedens: Politisch gehörte Makedonien zu Byzanz, kirchlich aber noch bis ins 8 Jahrhundert hinein zu Rom. Weit wichtiger aber waren die Barbareneinfälle. Goten und Hunnen waren vorübergehende "Gäste" - aber die Slawen blieben. Ihre Einfälle begannen um 540, Thessaloniki (niemals genommen) wurde 551 ein erstes mal von ihnen belagert, ab 580 dürften sie sich im nördlichen und östlichen Makedonien (eigentlich bis vor die Tore Salonikis) endgültig niedergelassen haben. Dieses Einsickern, diese Landnahme durch bäuerliche Unterwanderung, vollzog sich oft unbemerkt - daher die spärlichkeit der historischen Nachrichten darüber. Diese Slawen wurden von den mongolischen Bulgaren "überschichtet", deren Name die Slawen annahmen, sie aber "einschmolzen". Das Bulgarische Reich war ein gefährlicher Gegner für Byzanz - jahrhundertelang gehörten große Teile Makedoniens zu Bulgarien, 1018 Basileios II., der "Bulgarenschlächter", dem Bulgarischen Reich ein Ende machte. In Gebieten, die lange oder dauernd byzantinischer Herrschaft unterstanden, hat man die Slawen im laufe der zeit gräzisiert, in Bulgarien selbst musste man sich mit der Christianisierung und kulturellen Durchdringung begnügen. War die Frankenherrschaft in Thessaloniki (Bonifatius von Montferrat) nach dem 4. Kreuzzugnur Episode, so gehörten weite Makedoniens im 13. jahrhundert wieder zum sogenannten Zweiten Bulgarischen, dem bulgarisch-walachischen, Reich und im 14. Jahrhundert zum Großserbischen Reih des Zaren Stefan Duschan, des größten serbischen Herrschers im Mittelalter. 1354 überschritten die osmanischen Türken die Dardanellen und breiten sich mit unglaublicher Schnelligkeit auf dem Balkan aus: Um 1400 war ganz Makedonien türkisch, 1430 fiel ihnen auch Thessaloniki endlgültig zu, dass sie vorher schon einmal kurz besessen hatten und das auch ein Zwischenspiel venezianischer Herrschaft nicht retten konnte.
Damit begann die "Nacht" der Türkenherrschaft, die rund ein halbes Jahrtausend währen sollte. Allerdings war diese Nacht nicht so finster, wie man allgemein glaubt. Zwar gab es, zum erstenmal seit der Niederlassung der Slawen wieder eine größere Änderung im nationalen Bild der Bevölkerung: Türken siedelten ich an, und nicht unbeträchtliche Teile der einheimischen Bevölkerung traten aus Opportunismus zum Islam über, womit sie im Laufe der Zeit auch sprachlich und kulturell türkisiert wurden. Aber ansonsten ging es, namentlich seit de 18. Jahrhundert, den Christen wirtscahftlich nicht schlecht - makedonische Griechen kamen als tüchtige Kaufleute und Gewerbetreibende in weite Teile Europas.
DIe Ruhe Makedoniens wurde erst gestört, als unter den Balkanvölkern aufkommende moderne Nationalismus westeuropäischer Prägung einen früher unbekannten Chauvinismus erzeugte. Seit dem Ende de 19. Jahrhunderts wollten die berüchtigten "mazedonischen Komitatschis" Makedonien mit Gewalt bulgarisch machen - unter den Augen der untätig zusehenden Türken spielte sich zwischen Bulgaren, Griechen und selbst Serben ein gerade zu blutiger Bürgerkrieg ab. Ein Ende brachten erst die beiden Balkankriege 1912 und 1913 mit der endgültigen Befreiung des Landes von der Türkenherrscahft und der Aufteilung Makedoniens zwischen Griechenland, Serbien und Bulgarien.
Griechenland erhielt den Westen, die Mitte und den Osten des Landes, 35 000 Quadratkilometer, mit dem alten Ober- und Niedermakedonien, mit Thessaloniki, der Chalkidike und dem Athos, Osten Serrä, Drama, Kavalla samt der Insel Thasos. An Bulgarien fiel nur ein kleiner Zipfel, das obere Strumatal mit dem Seitental der Strumitza, und das obere Tal des Nestos (bulgarisch Mesta). Den weitaus größeren Teil des Nordens, das mittlere und obere Wardartal und die alte Landschaft Pelagonia bis um Ochrida und Prespasee sicherte sich Serbien, dieser teil, rund 20 000 Quadratkilometer, gehört also seit dem Ersten Weltkrieg zu Jugoslawien. Eine kleine Ecke mit der Stadt Koritza (Korca) fiel an Albanien. An diesen Grenzen haben die beiden Weltkriege nichts mehr geändert (außer das ein Zipfel Bulgarisch-Makedoniens an Jugoslawien fiel).
Von entscheidender Wichtigkeit sind aber die seither eingetretenen grpßen Bevölkerungsverschiebungen. Nahc dem griechisch-türkischen Krieg wurde im Friedensvertrag von Lausanne 1923 ein Bevölkerungsaustausch vereinabart. Die Türken zogen aus Makedonien ab, von den aus der Türkei vertriebenen rund 2 Millionen Griechen wurden fast 800 000 in Makedonien angesiedelt - fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung der Provinz. Weitere Griechen kamen aus den Küstenstädten Bulgariens am Schwarzen Meer, auch aus Jugoslawisch-Makedonien, namentlich aus Bitola. Auch die in Griechisch-Makedonien verbliebenen Slawen zogen ab, nach dem Ersten und erst recht nach dem Zweitenweltkrieg; sie gingen nach Jugoslawien und Bulgarien, so daß der griechische Teil Makedoniens heute eine rein griechisch besiedelte Provinz ist.
Damit ist die "Makedonische Frage" anscheinend doch noch nicht endgültig gelöst. Allerdings gibt es nur Auseinandersetzungen zwischen ulgarien und Jugoslawien. Die slawischen Makedonier sind alles andere, nur keine Serben, ihr Dialekt ist zweifellos eine bulgarische Mundart, und die Bulgaren hören nicht auf, sie für sich zu reklamieren. Tito hat den gordischen Knoten auf seine Art gelöst: Er erklärte die Jugoslawieschen Makedonier für eine eigene Nation, ihr Dialekt wurde zu einer eigenen Schriftsprache. Griechenland können diese immer wieder aufflackernden Auseinandersetzungen kalt lassen - auch wenn die jugoslawisch-makedonische Landesregierung in Skopje gelegentlich Ansprüche an einem Ausgang zur Ägäis anmeldet. Übrigens hat Jugoslawien im Grunde einen solchen Ausgang: eine Freihafenzone in Thessaloniki, die intensiv genutzt wird.
Von Athen und Attika einmal abgesehen, ist Makedonien heute die entwickeltste und fortschrittlichste Provinz Griechenlands, und Thessaloniki ist nach Athen (einschließlich Piräus) die einzige wirkliche Großstadt des Landes.