Amyntas
07-10-2006, 01:08 PM
Registriert seit: Jun 2005
Wohnort: solun
http://www.jungewelt.de/2006/07-07/062.php
Eliten- statt Politikwechsel in Mazedonien
Parlamentswahlen in der früheren jugoslawischen Republik brachten keine wesentlichen Änderungen
Jürgen Elsässer
Von solchen Wahlen träumen die Imperialisten, vor solchen warnen die Anarchisten seit hundertfünfzig Jahren: Es gibt eigentlich nur zwei konkurrierende Machtblöcke, und die unterscheiden sich wie Sunil und Omo. Alle Politiker sind korrupt und können nach Belieben gekauft werden. Was wirklich im Land passiert oder nicht passiert, wird überall entschieden, nur nicht im Parlament. Willkommen in Mazedonien!
Dieser Staat schenkte einer Fruchtsalatsorte nicht umsonst seinen Namen als Adjektivattribut: Alles mögliche wird reingeschnipselt, und der jeweilige Koch entscheidet ganz alleine, ob die Mischung mehr nach Orange oder mehr nach Äpfeln schmeckt. Mazedonien jedenfalls, entstanden 1992 aus der Konkursmasse Jugoslawiens, ist einer der Prototypen der synthetischen Staaten der Neuen Weltordnung, ein Modell des globalistischen Nationbuilding. Alles Beharren auf Alexander dem Großen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es an einer gewachsenen Staatsidentität mangelt: Nachdem das Gebiet bis zu den Balkankriegen 1912/13 Teil des Osmanischen Reiches war, wurde es im Anschluß zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland aufgeteilt. Vor und im Zweiten Weltkrieg verbündeten sich die mazedonischen Nationalisten mit Hitler und Mussolini. Kein Mensch wäre nach 1945 auf die Idee gekommen, solchen Halsabschneidern auch noch einen eigenen Staat zu geben.
Hätte Tito innerhalb Jugoslawiens keine Teilrepublik dieses Namens eingerichtet – wie so oft in dem Kalkül, ein Gegengewicht zu den Serben zu schaffen – wäre der Spuk vermutlich irgendwann vorbeigewesen. Jedenfalls: Die Sprache unterscheidet sich von der des benachbarten Bulgarien kaum mehr als Schwyzer- von Hochdeutsch, ein Drittel der Bevölkerung sind zwangsmazedonisierte Serben, ein Viertel abspaltungswillige Albaner, knapp die Hälfte arbeitslos.
Die Jahre bis zum Untergang der Fruchtsalatrepublik dürfen einmal die einen Gangster regieren, dann wieder die anderen. Bei den Wahlen am Mittwoch hatten die sogenannten Konservativen der VMRO-DPMNE mit etwa 32 Prozent die Nase vorn, der bisher regierende Sozialdemokratische Bund SDSM kam nur auf 23 Prozent. Beide Parteien sind sich einig, daß das Land 2008 der NATO und 2012 der EU beitreten soll, und beide benötigen zur Mehrheitsfindung einen albanischen Partner. Der SDSM hat in den vergangenen vier Jahren mit der Demokratischen Union DUI regiert, die aus der terroristischen UCK hervorgegangen ist. Der künftige Partner der VMRO-DPMNE ist auch nicht sympathischer: Die Demokratische Partei PDSh des Albanerführers Arben Xhaferi. Der stand zwar 2001 dem UCK-Aufstand in Mazedonien skeptisch gegenüber, aber vor allem deswegen, weil er darin zu wenig großalbanische Perspektive sah. Wenn sich, was sehr wahrscheinlich ist, im Laufe des Jahres das Kosovo als eigenständiger Staat konstituiert und die PDSh dann in Skopje mitregiert, könnten bei Xhaferi die skipetarischen Sehnsüchte wachsen und das Land in Turbulenzen stürzen.
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Eliten- statt Politikwechsel in Mazedonien
Parlamentswahlen in der früheren jugoslawischen Republik brachten keine wesentlichen Änderungen
Jürgen Elsässer
Von solchen Wahlen träumen die Imperialisten, vor solchen warnen die Anarchisten seit hundertfünfzig Jahren: Es gibt eigentlich nur zwei konkurrierende Machtblöcke, und die unterscheiden sich wie Sunil und Omo. Alle Politiker sind korrupt und können nach Belieben gekauft werden. Was wirklich im Land passiert oder nicht passiert, wird überall entschieden, nur nicht im Parlament. Willkommen in Mazedonien!
Dieser Staat schenkte einer Fruchtsalatsorte nicht umsonst seinen Namen als Adjektivattribut: Alles mögliche wird reingeschnipselt, und der jeweilige Koch entscheidet ganz alleine, ob die Mischung mehr nach Orange oder mehr nach Äpfeln schmeckt. Mazedonien jedenfalls, entstanden 1992 aus der Konkursmasse Jugoslawiens, ist einer der Prototypen der synthetischen Staaten der Neuen Weltordnung, ein Modell des globalistischen Nationbuilding. Alles Beharren auf Alexander dem Großen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es an einer gewachsenen Staatsidentität mangelt: Nachdem das Gebiet bis zu den Balkankriegen 1912/13 Teil des Osmanischen Reiches war, wurde es im Anschluß zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland aufgeteilt. Vor und im Zweiten Weltkrieg verbündeten sich die mazedonischen Nationalisten mit Hitler und Mussolini. Kein Mensch wäre nach 1945 auf die Idee gekommen, solchen Halsabschneidern auch noch einen eigenen Staat zu geben.
Hätte Tito innerhalb Jugoslawiens keine Teilrepublik dieses Namens eingerichtet – wie so oft in dem Kalkül, ein Gegengewicht zu den Serben zu schaffen – wäre der Spuk vermutlich irgendwann vorbeigewesen. Jedenfalls: Die Sprache unterscheidet sich von der des benachbarten Bulgarien kaum mehr als Schwyzer- von Hochdeutsch, ein Drittel der Bevölkerung sind zwangsmazedonisierte Serben, ein Viertel abspaltungswillige Albaner, knapp die Hälfte arbeitslos.
Die Jahre bis zum Untergang der Fruchtsalatrepublik dürfen einmal die einen Gangster regieren, dann wieder die anderen. Bei den Wahlen am Mittwoch hatten die sogenannten Konservativen der VMRO-DPMNE mit etwa 32 Prozent die Nase vorn, der bisher regierende Sozialdemokratische Bund SDSM kam nur auf 23 Prozent. Beide Parteien sind sich einig, daß das Land 2008 der NATO und 2012 der EU beitreten soll, und beide benötigen zur Mehrheitsfindung einen albanischen Partner. Der SDSM hat in den vergangenen vier Jahren mit der Demokratischen Union DUI regiert, die aus der terroristischen UCK hervorgegangen ist. Der künftige Partner der VMRO-DPMNE ist auch nicht sympathischer: Die Demokratische Partei PDSh des Albanerführers Arben Xhaferi. Der stand zwar 2001 dem UCK-Aufstand in Mazedonien skeptisch gegenüber, aber vor allem deswegen, weil er darin zu wenig großalbanische Perspektive sah. Wenn sich, was sehr wahrscheinlich ist, im Laufe des Jahres das Kosovo als eigenständiger Staat konstituiert und die PDSh dann in Skopje mitregiert, könnten bei Xhaferi die skipetarischen Sehnsüchte wachsen und das Land in Turbulenzen stürzen.